Libanon Tagebuch VII – Tag 06

Unsere Zeltschule-Kinder freuen sich immer unglaublich über Nachrichten, Botschaften oder kleine Geschenke der Kinder aus deutschen Partnerschulen. Für die Sonnenblumenschule haben z.B. vor allem Kinder der Klenzeschule die Rucksäcke bemalt und mit Fotos versehen und den schönen Wandbehang gemacht. Kinder der Tumblingerschule haben Armbänder geflochten, die in jedem Rucksack lagen. Kinder der Grundschule in Türkheim und des Stielerstraßen Förderzentrums haben T-Shirts bemalt.

Dieser direkte Austausch bedeutet unseren Zeltschulekindern sehr viel, da sie sich oft sehr isoliert fühlen. Deswegen ist es ihnen auch wichtig, selbst ebenfalls Dinge anfertigen und mit nach Deutschland geben zu können. Vor wenigen Wochen haben wir z.B. in einem Pausenverkauf in der Tumblingerschule bemalte Taschen der Zeltschulekinder verkauft, die Tumblingerkinder haben sich sehr gefreut und das eingenommene Geld fließt direkt zurück in die Zeltschulen.

Jetzt haben die Tigerkinder wunderschöne Osterkörbchen geflochten und Oster-Anhänger bemalt und freuen sich schon darauf, dass auch ihre kleinen Kunstwerke bei einem Osterbazar in einer Partnerschule angeboten werden.

 

 

Die künstlerisch begabten Tigerkinder haben auch Namensschilder für Yehya, Ranim und mich gemacht. Tja, sehr schade für die beiden, dass meines mit Abstand das schönste Schild geworden ist.  😊 Sollten wir je einen Sponsor für das schon lange dringend benötigte Zeltschule-Büro finden, dann kommt dieses Schild an meine Bürotür.

 

Doch nicht nur die Bastelsachen der Kinder werden unsere Koffer auf der Rückreise füllen, auch die wunderschönen Handarbeiten der Frauen aus unseren Camps. Unser langjähriger Unterstützer, die Findelkind Sozialstiftung, sponsert seit letztem Herbst Handarbeits-Workshops für die Frauen, um ihnen zu ermöglichen, nach dem Krieg zur Versorgung ihrer Familie beitragen zu können oder sie sogar allein versorgen zu können, da viele Kriegswitwen sind. Workshop-Leiterin Lama hat mir heute einen Riesensack voller wunderschöner Schätze übergeben: nagelneue, unter unserem Label angefertigte Zeltschule-Teddybären (an- und ausziehbar, waschbar, jeder ein Unikat) und der ebenfalls brandneue Zeltschule-Octopus.

 

 

 

Premiere hat beides auf unserem Infoabend in der Tumblingerschule am 19.03.2019 um 19 Uhr, bei dem wir viel über die aktuelle Situation vor Ort berichten werden und bei dem es auch leckeres syrisches Essen aus unserem Kochbuch zu probieren gibt. Ich würde mich sehr freuen, euch dort zu treffen!

Für alle Nicht-Münchner gibt es unsere neuen Produkte bald auch hier im Online-Shop.

 

Noch etwas anderes, außer 80 wunderschönen Teddybären, hat uns heute große Freude gemacht: ein feuerroter Schulbus! In unseren Zeltschulen ist die allgemein in Syrien und dem Libanon gültige Schulpflicht von 5 bis 14 Jahren abgedeckt. In einigen (viel zu wenigen) libanesischen Schulen haben syrische Kinder (nachmittags, wenn der Unterricht der libanesischen Kinder beendet ist) die Möglichkeit, nach dem 14. Lebensjahr auf weiterführende Schulen zu gehen. Die Schulmaterialien sind für die allermeisten Geflüchteten unerschwinglich, die Schule ist zu weit vom Camp weg, als dass das Kind hinlaufen könnte oder die Eltern sehen es schlicht als zu gefährlich an.  Nur eine verschwindend geringe Zahl an syrischen Kindern kann daher weiterführende Schulen besuchen um später studieren zu können. Mit der Hilfe des Schultaschenherstellers HAMA besuchen mittlerweile 110 unserer ehemaligen Zeltschule-Kinder so eine weiterführende Schule – natürlich auch ausgestattet mit einem professionellen Rucksack (ebenfalls eine Spende von Hama). Mit 3 von ihnen habe ich heute Interviews geführt um sie euch näher vorzustellen.

 

Abdel Hadi (hier in der Mitte) ist Yehyas 14jähriger Sohn. Er besucht die libanesische Schule seit 5 Monaten. Am Anfang sei es schwierig gewesen, räumt er ein. Die Lehrer haben wenig Geduld, ihnen gefällt nicht, dass sie nachmittags nicht mehr frei haben, sondern Syrer unterrichten sollen. Aber er wolle nicht jammern, fügt er sofort hinzu, er weiß, wie lang die Wartelisten dieser Schulen sind und was für ein großes Glück er hatte.

„Aber es ist nicht nur Glück, du musstest einen Test machen, oder?“ frage ich ihn. Er nickt. Alle syrischen Kinder müssen an libanesischen Schulen einen Aufnahmetest bestehen, selbst wenn sie Zeugnisse etc. vorweisen können. Bei weitem nicht alle Kinder mit bestandenem Test werden aufgenommen, aber alle, die ihn nicht bestehen, werden abgelehnt. In seiner Klasse sind 37 andere Kinder und er ist sehr froh, dass 11 davon aus dem Giraffencamp sind.

„Sie fordern besondere, ganz bestimmte Schulmaterialien. Man kann nicht einfach nur auf Papier schreiben, so wie in den Zeltschulen, es muss ein bestimmtes Heft und ein bestimmter Stift sein. Das ist alles sehr teuer.“ Ungefähr 30 Dollar pro Monat kostet es, ein syrisches Kind auf eine weiterführende Schule zu schicken. In Deutschland zahlen wir für den Sportverein oft mehr, hier ist es ein Vermögen.  Für Abdel Hadi ist es eine Verpflichtung für die Zukunft: dass so viel Geld in seine Ausbildung investiert wird, treibt ihn noch mehr an, etwas aus seinem Leben zu machen. Arzt will er werden, erzählt er mir, und mit einem Krankenwagen von Camp zu Camp fahren und alle Kranken in den Camps behandeln. Auch Yehya und seine Frau Em Abdu und Ranim sind beim Interview in Yehyas Zelt dabei. Ich warte, dass irgendjemand lacht und Abdel Hadi sagt, dass er noch 5 Jahre Schule und dann 8 Jahre Studium vor sich hat und es bis dahin sicher keine Camps mehr im Libanon geben wird, aber alle schweigen.

 

Bary ist ein ganz besonderes Mädchen, sie ist nämlich erst 12 und war bis vor kurzem in unserer Giraffenschule. Yehya hielt sie für so begabt, dass wir sie beim Test für die weiterführende Schule angemeldet haben, den sie mit fliegenden Fahnen bestand. Nun ist sie hin- und hergerissen zwischen Stolz und Einsamkeit, Freude und Angst. Sie hat 4 ältere Geschwister, die alle auf den Feldern arbeiten und nicht weiter zur Schule gehen können. Es ist ein Privileg, lernen zu dürfen, das weiß sie. Aber sie bezahlt einen hohen Preis, das weiß sie auch. Umgeben von lauter fremden Menschen ist es in der Fremde noch fremder. Im Camp kannte sie jeden, an der neuen Schule wird sie ständig von den Eltern gewarnt, auf sich aufzupassen, nie allein irgendwo stehen zu bleiben, den Lehrern nicht zu vertrauen, sich einerseits nichts gefallen zu lassen, andererseits aber auf keinen Fall aufzufallen. Eine sehr schwierige Situation. Bei den Hausaufgaben kann ihr niemand helfen, ihr Vater ging 6 Jahre zur Schule, ihre Mutter lernt gerade in unserem Alphabetisierungskurs Lesen und Schreiben. Der Wissenschaftsunterricht wird auf Englisch gehalten, sie versteht zwar alles, hat aber noch Hemmungen, Englisch zu sprechen, deswegen wird sie oft gehänselt und „die Stumme“ genannt. Aber auch Bary  betont schnell, dass sie nicht jammern will, denn sie kennt die Alternativen: Feldarbeit oder (schlimmer noch) so früh zu heiraten wie ihre Schwester, die 17 ist und 2 Kinder hat.

 

Mahmoud ist 14 und war ebenfalls bis vor kurzem bei den Giraffen. Er ist ein sehr intelligenter Junge aber seine Eltern fanden die Idee einer weiterführenden Schule alles andere als erstrebenswert. Yehya hat viel Überzeugungsarbeit bei Mahmouds Vater geleistet. Zu Anfang war es so dass die Kinder im Alphabet Auto in 8er-Gruppen zur Schule gefahren und am Abend wieder abgeholt wurden. Mahmouds Vater ist immer mitgefahren und hat den ganzen Nachmittag vor der Schule gewartet, das war Mahmoud ganz schön peinlich. Aber die Angst des Vaters, Mahmoud könnte auf dem Rückweg einmal alleine zurückbleiben, nicht mehr ins Auto passen o.ä. war zu groß. Mahmoud kann diese Angst nicht nachvollziehen. Er mag die Schule und findet auch die Lehrer nett, er hat Freunde dort. Und besonders toll findet er den neuen Bus. Mit 110 Kindern ist es natürlich unmöglich, sie weiter im Alphabet-Auto zur Schule zu fahren. Deswegen haben wir nun seit letzter Woche einen privaten Bus für die großen Schulkinder unserer Camps gemietet, der mittags alle unsere Camps anfährt, die Kinder abholt, und am Abend in einer großen Runde wieder nach Hause bringt. Wie wunderbar normal! Fast wie zuhause, sagt auch Mahmoud. Der Vater kommt nicht mehr mit zur Schule, aber Yehya erzählt mir lachend, dass er jeden Tag den ganzen Nachmittag im Camp auf und ab läuft, bis Mahmoud wieder zurück ist.  „Die Schule ist Segen und Fluch zugleich“, sagt er mir später, als ich Mahmoud nach Hause in sein Zelt begleite und mit seinem Vater spreche. „Sie wird Mahmoud forttreiben, früher oder später, er wird seine Bildung nehmen und nicht mehr nach Hause kommen, und das macht mir Angst, aber es ist auch gut. Denn hier ist kein Ort zum Leben.“

Ein Schulplatz für ein Kind kostet ca. 26€ im Monat. Wenn Sie bei der Spende als Verwendungszweck „SCHULBUS“ angeben, fließt sie direkt in unseren Fonds für die großen Kinder, die unbedingt weiterführende Schulen besuchen sollten. Vielen Dank!

 

 

 

 

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