Libanon Tagebuch VII – Tag 07 (Sonnenblumenschule)

Wie immer ist unsere Woche hier im Flug vergangen. Den Libanonreisen geht immer eine so lange Vorbereitung voraus und dann fühlt es sich an als würden wir nur zweimal blinzeln und sind schon wieder auf dem Heimweg. Es gäbe noch so viel zu tun, so viel zu sagen, so viel zu verbessern…

Linus sagt immer, wenn sich in einem Camp ein Kind an uns klammert und nicht loslassen möchte: „Mama, sag ihr, wir kommen ja wieder!“ Damit hat er natürlich recht und das sage ich mir selbst jetzt einfach auch.

Unser letzter Tag stand vormittags noch einmal ganz im Zeichen der Flut. Seit Donnerstagabend hat sich ein „Tagsüber strahlender Sonnenschein, nachts strömender Regen“-Zyklus entwickelt. Es ist nicht so schlimm wie im Januar, als es zwei Wochen ununterbrochen geregnet hat, aber schlimm genug, dass wir heute nochmal eine Extraschicht Planen über alle Schulen gebreitet haben und in jedem Camp Pumpen bereitstehen.

 

Selbstverständlich haben wir auch noch Zatar eingekauft, weil der das beliebteste unserer Gewürze in Deutschland ist, auch damit werden wir also am 19.3.2019 um 19.00 Uhr, bei unserem Infoabend in der Tumblingerschule, ausreichend versorgt sein.

 

Der Abschied von der Sonnenblumenschule fiel uns heute natürlich besonders schwer.
Als wir aus dem Auto steigen, kommen sofort ein Dutzend Kinder auf uns zu gerannt, um sich zu beschweren, dass die Schule zugesperrt ist. Das Konzept Wochenende, die unendliche Zahl der Tage ohne Heimat wieder in einen bestimmten Rhythmus einzuteilen, ist den Kindern noch fremd. Auch für Mahydyn und Samer, die beiden Lehrer der Sonnenblumenschule, die am liebsten heute auch die Schule aufgemacht hätten, so lange haben sie warten müssen, um endlich wieder unterrichten zu dürfen. In ihrem „früheren Leben“ (ein Terminus, den ich hier ganz oft höre, und der zeigt, wie unmöglich Traumata wie Krieg, Flucht, Verlust der Heimat in die Linien eines „normalen“ Lebensentwurfs hineingezwungen werden können, man kann nicht tun, als wäre das die neue Normalität, der Rahmen springt, alles wird haltlos) waren beide Grundschullehrer in Homs. Sie haben sich während des Studiums kennengelernt und haben heute vier Kinder zwischen 6 und 13. Samer ist ein Jahr älter als Mahydyn und sie fragt mich beschämt, ob ich das unbedingt schreiben müsse, denn es ist in der arabischen Kultur fast undenkbar, dass ein Mann eine „ältere“ Frau heiratet, während es nicht ungewöhnlich ist, dass Männer 30 Jahre und mehr älter sind als ihre Frauen. Ich erkläre ihr, dass das in Deutschland nicht ungewöhnlich ist, dass man sie für sehr emanzipiert und progressiv halten wird, dass sie einen „jüngeren“ Mann hat und sie lacht laut auf ehe sie sich die Hand vor den Mund hält und gesteht, dass sie sich nicht erinnern kann, wann sie das letzte Mal laut gelacht hat.

Schon vor dem Krieg waren sie im Widerstand gegen das Assad-Regime, deswegen möchte ich hier auch keine Fotos von ihnen veröffentlichen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. „Was jetzt im Libanon passiert“ sagt Mahydyn  (und meint damit die derzeitigen Verhaftungen von Journalisten in Beirut, die sich kritisch gegenüber der libanesischen Regierung äußern) „passierte in Syrien schon vor 20 Jahren. Das ist der Anfang. Alles kann passieren, wenn man den Menschen den Mund verboten hat.“

Fünf Jahre lang konnte er seine Familie nur als Tagelöhner auf Baustellen (illegale Arbeit) über Wasser halten, dabei habe er wirklich zwei linke Hände. „Wir sind Pädagogen“, meint Samer, „wir haben gelernt, was für einen enormen Einfluss die Kindheit und die Erziehung in der Kindheit darauf hat, was für ein Mensch man wird. Was soll aus einer Generation werden, die im Schmutz aufwächst? Ohne Bücher? Ohne Werte? Ohne Geborgenheit? Ohne Sicherheit? „

Sie erzählt mir, dass sie ihrer Tochter kurz nach ihrer Ankunft im Libanon ein Buch vorgelesen haben, das sie im Müll gefunden haben. Darin ging es darum, dass eine Prinzessin Angst vor einem Drachen hat. Ihre kleine Tochter verstand das Wort „Angst“ nicht und Samer erklärte ihr das Gefühl: ein rasendes Herz, etwas Böses nahen zu spüren, sich machtlos zu fühlen…..

Ah, hatte die Tochter nickend abgewunken, also unser ganz normales Gefühl.

Mahydyn  und Samer haben immer noch Tränen in den Augen, als sie mir die Geschichte erzählen, obwohl sie Jahre zurück liegt.  „Wenn Angst Normalität ist, was ist dann noch übrig von einer Kindheit?“

Ich frage sie, was sie sich am dringendsten vorgenommen haben, den Sonnenblumenkindern zu vermitteln. Sie sind sich einig, dass sie sie bereit machen wollen für eine Rückkehr nach Syrien, für den Aufbau eines neuen, demokratischen Landes. Wann sehen sie diese Rückkehr, frage ich sie und Mahydyn  schüttelt nur den Kopf während Samer leise antwortet: „Wir werden noch eine lange, lange Zeit hier im Nirgendwo sein.“

„Aber es ist nicht mehr das Nirgendwo, widerspricht Mahydyn  sofort, es ist das Sonnenblumencamp. Allein die Tatsache, dass es einen Namen hat, dass man wieder an einen festen Ort gehört, dass man vermisst würde, dass man wieder Teil einer Gemeinschaft ist, in der man eine Funktion hat, sei ungeheuer tröstlich. Auch die Kinder seien sehr stolz auf ihre Rucksäcke vor allem deswegen, weil sie bestätigen, dass sie Teil von etwas sind, zu einem Ort gehören, das Gefühl des „Verlorenseins“ mildern. Deswegen noch einmal vielen Dank an alle Freunde und Bekannten von Fritzi und ihrer Familie, die diese Rucksäcke so liebe voll gestaltet haben! Es steckt so viel mehr in ihnen als nur Stifte und eine Zahnbürste!

 

Auf der Heimfahrt fahren wir über Jounieh, eine Stadt ganz in der Nähe von Beirut, über der seit 1908 die berühmte Harissa-Marienstatue thront. Da ich jedes Mal mit Touristenvisum einreise, ist es nicht selten, dass ich bei der Ausreise kontrolliert werde, man ganz genau nachfragt, was wir gemacht haben etc. und auch Fotos sehen will. Normalerweise versuche ich bei jeder Reise an irgendeinem Nachmittag ein paar Sehenswürdigkeiten abzufahren und fotografiere die Kinder mit wechselnden T-Shirts davor, so dass es nach dem Programm einer ganzen Woche aussieht, aber dieses Mal hatten wir keine Zeit dafür. Wenigstens Harissa wollen wir aber noch schaffen, denn das ist fast schon eine Tradition für die Kinder und mich.

Sie ist ein Pilgerort für alle Libanesen, Katholiken, Muslime, Maroniten, Drusen…. Alle sind davon überzeugt, nur dieser Marienstatue sei es zu verdanken, dass während des Krieges gegen Israel die meisten Bomben im Meer gelandet seien. Der Weg nach oben ist abenteuerlich: die Seilbahn führt mitten durch die Stadt, so nah an einigen Häusern vorbei, dass dort nur jemand die Hand aus dem Fenster strecken müsste, um die Gondeln zu berühren, aber die Aussicht ist einzigartig.

Alle kommen hierher um zu bitten und zu danken und in der Tat ist es ein wundervoller Ort, um eine Kerze anzuzünden, seinen Blick von hoch oben über Jounieh und Beirut schweifen zu lassen, sich zu bedanken für das, was wir geschafft haben und um Hilfe zu bitten für das, was noch vor uns liegt. Von hier oben ist es leicht, den Libanon als das zu sehen, was er einmal war und was er wieder sein könnte. Neben uns erklärt ein Großvater seiner Enkelin die Geschichte von Harissa und meine Kinder werfen in der Zwischenzeit ein bisschen Geld in die Ferngläser, um sich alles genauer anzusehen. Ich sitze auf einer Bank und versuche den Unterschied zwischen dem Libanon in Beqaa und dem Libanon hier oben in meinem Gehirn in die richtigen Schubladen zu sortieren. Je länger ich dem Großvater und der Art, wie er seine Enkelin während seiner Erklärungen berührt, zusehe, desto klarer wird mir, dass sie nicht seine Enkelin ist, sondern wahrscheinlich eine seiner Frauen. Er ist um die 70, das Mädchen schätze ich auf 15. Es ist, als würde der Libanon jeden Tag darauf bestehen, sich von seiner besten und seiner schlimmsten Seite zu zeigen, damit man ihn nicht zu fassen bekommt, sich keine endgültige Meinung bilden kann – denn die sind ja mittlerweile sowieso verboten.

Heute Nacht fliegen wir zurück und ich vermisse dieses merkwürdige, schmutzige, widersprüchliche, absurde Land bereits jetzt. Aber wie sagte Linus immer? „Wir kommen ja wieder.“ Ja, das tun wir. Und wieder. Und wieder. Ich könnte gar nicht anders.

 

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