Beauvoir & Sartre

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre waren das berühmteste Existentialistenpaar des letzten Jahrhunderts und je mehr Zeit vergeht, desto mehr scheint mir, dass die existentialistische Ideologie, die sie maßgeblich mit prägten, weit weniger zu ihrem Ruhm beitrug als ihr Status als Paar. Zugegeben, zu ihrer Zeit mussten sie ähnlich skurril gewirkt haben wie die Kardashians heute: ein kaum 1,60m großer brillanter Intellektueller hat eine Beziehung mit einer wunderschönen, noch brillanteren (Simone brauchte für ihren Abschluss in Philosophie zwei Jahre weniger als Sartre) Intellektuellen, sie lehnen aber ganz öffentlich Monogamie ab, siezen sich ihr Leben lang, wohnen in Hotels immer in unterschiedlichen Zimmern und haben ganz offen sexuelle Beziehungen mit Dritten. Skandalös! Und sie schämten sich noch nicht einmal dafür, im Gegenteil. Mit großen Teilen ihrer Sexualität gingen sie freimütig um, so machten sie zum Beispiel kein Geheimnis daraus, dass ihre sexuelle Beziehung keinen großen Stellenwert in ihrer tiefen emotionalen Bindung einnahm, da Sartre ein grauenhafter Liebhaber war (Simone nannte ihn einmal öffentlich „frigide“, sehr zur Belustigung beider).

Doch intellektuell, philosophisch, politisch, emotional und literarisch hatten sie einen Herzschlag. Sartre nannte ihre Liebe immer „eine notwendige Liebe“, eine nicht gewählte, eine unabdingbare, unvorstellbar zu lösende, im Gegensatz zu den zahlreichen Zufallsliebschaften, die sie beide parallel hatten, und die ebenfalls nicht immer bedeutungslos waren (Simone liebte zum Beispiel über Jahre den amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren, doch die Beziehung scheiterte daran, dass es Simone und Sartre nun mal nur im Doppelpack gab und für Simone eine Lösung von Sartre zugunsten einer anderen Beziehung undenkbar war).

013_jean-paul-sartre-et-simone-de-beauvoir_theredlistSimone und Sartre trafen sich während des Studiums 1929 (sie 21, er 24) und bis Sartre ein halbes Jahrhundert später 1980 starb, teilten sie nichts weniger als ihr Leben miteinander. Schon damals in Paris schien ihnen der Gedanke an eine Ehe absurd, viel zu bürgerlich, überholt. Eine „freie Liebe“ sollte es sein und war es auch, so frei Liebe eben sein kann. Das heißt nicht, dass sie leichtsinnig oder sorglos war, und es heißt auch nicht, dass sie nicht einen Preis dafür bezahlten. Schon zu Anfang ihrer Beziehung schlossen sie einen Pakt, zunächst auf zwei Jahre, der wichtigste Mensch im Leben des anderen zu sein, absolut gleichberechtigt, alles zu besprechen, andere Beziehungen dieser unterzuordnen und sich niemals zu belügen.

Die Beziehung von Simone und Sartre als solche war einzigartig und nicht imitierbar. Was als Vorbild dienen sollte, ist die Einsicht in die Notwendigkeit der Erschaffung eigener Regeln, das vollkommen individuelle Festlegen von Gesetzmäßigkeiten in der Liebe, die nur die beiden Liebenden glücklich machen, anstatt bourgeoisen, seit Jahrhunderten nicht mehr hinterfragten, Moralvorstellungen von Ehe und Familie hinterher zu hecheln. Ihre Beziehung war nur eine Facette von Sartres tief verwurzelter existentialistischen Philosophie der absoluten Eigenverantwortung. Er stellte hierin mauvaise foi (wörtlich übersetzt der „schlechte Glaube“, die Unaufrichtigkeit) dem bonne foi  („guter Glaube“, die Aufrichtigkeit) gegenüber. Der mauvaise foi beschreibt die Neigung des Menschen, sich konform zu verhalten, sich gesellschaftlichen Regeln und Wertvorstellungen  fraglos anzupassen und damit die eigene Freiheit aufzugeben, damit er sich die Frage, wer er ist, nicht mehr zu stellen braucht. Im Gegensatz hierzu ist bonne foi  der Kraftakt, sich selbst als E ntwurf zu sehen, die Verantwortung für das eigene Sein und Werden voll und ganz zu übernehmen und sie nicht in Abhängigkeit politischer Ideologien oder gesellschaftlicher Zwänge zu setzen, im Kleinen wie im Großen, was die eigene Beziehung betrifft, wie auch (in Sartres Zeit) z.B. den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Natürlich ist mauvaise foi der einfachere Weg: sich dem zu beugen, was die Gesellschaft erwartet, mit der Menge zu gehen, sich selbst nicht ständig in Frage zu stellen. Vor allem Simone hat dafür bezahlt, Progressivität in dieser Form war bei Frauen damals wie heute noch sehr viel schwieriger zu akzeptieren als bei Männern. Ihre kontroversen Äußerungen über Ehe, Mutterschaft, Hausarbeit, Masturbation etc. führen noch heute bei vielen zu peinlich berührtem Hüsteln. „Mir ging ein saftiger Ruf als Lesbe voraus“, sagte sie einmal in einem Gespräch mit Alice Schwarzer, und vielleicht ist es gerade diese Generalisierung, dieses altbekannte, kleingeistige Klischee „alle Emanzen sind Lesben“, das sie davon abhielt, bei aller Offenheit gewisse Dinge bis nach ihrem Tod zurückzuhalten, wie etwa ihre Bisexualität, ihre zahlreichen Liebhaberinnen und ihre tiefe Liebe zur letzten Partnerschaft ihres Lebens, der Studienrätin Sylvie le Bon, die sie später auch adoptierte, um sie zur Erbin ihrer Schriften und Tagebücher zu machen.

Bis heute erscheinen regelmäßig neue „Wahrheiten“ über Simone und Sartre. Wissenschaftler finden abwechselnd heraus, dass Simone entweder ein armes Opfer war, das von Sartre unterdrückt und ausgenutzt wurde, oder dass Simone die treibende Kraft hinter der existentialistischen Idee war und Sartre nur als männliche Gallionsfigur brauchte, dem sie die Worte in den Mund legte und dessen Bücher sie schrieb. Waren sie generöse Liebende, die andere aus ihrem illustren Künstler- und Intellektuellenzirkel gerne an ihren sexuellen Spielereien teilhaben ließen, oder luden sie Dritte in ihr Sexleben ein, um diese für ihr eigenes Beziehungsexperiment skrupellos auszunutzen (wie die verletzte Geliebte Bianca Lamblin es in ihren Memoiren beschreibt)?

Die Wahrheit ist, es gibt keine Wahrheit über Simone und Sartre. Sie hatten die Courage zu einem wagemutigen Lebensentwurf und sie lebten ihn mit allen Konsequenzen und so viel Authentizität wie möglich. Beinhaltete er zerstörerische Tendenzen? Sicher, aber welches wirklich gelebte Leben tut das nicht?
Weder Simone noch Sartre hatten Interesse daran, als Helden zu gelten oder Vorbildfunktion zu übernehmen.
Sie wollten ihr Leben und ihre Liebe leben, glücklich und frei, gleichberechtigt und avantgardistisch,
und es war ihnen vollkommen egal, was Sie oder ich darüber denken.

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(Bilder: theredlist.com)

Literatur von Sartre (Auszüge):

Literatur von Beauvoir (Auszüge):

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