DIY – (Welten)MACHERIN: Shannon May

Shannon baut Schulen für Kinder, die sonst keine Aussicht auf Bildung hätten – das macht sie natürlich zu einer „Macherin“, die mich besonders interessiert. Das musste ich mir genauer ansehen.

Also, erstmal zu dem, was ihr Projekt mit unserem gemeinsam hat:

  • die Farbe von Shannons Organisation „Bridge“ ist grün, wie unsere.
  • Shannon wollte von Anfang an am liebsten 100 Schulen jährlich bauen – das Gefühl kommt mir auch bekannt vor.
  • Die erste Schule war die schwerste – das macht mir Hoffnung!

Aber fangen wir von vorne an: Die Anthropologin aus Berkeley verbrachte während ihres Studiums mehrere Jahre in China und sah dort Kinder stundenlange Fußmärsche zu kalten, dunklen, schlecht ausgestatteten Schulen zurücklegen. Eigentlich hatte sie geplant, ihre Bildungsinitiative dort zu starten, doch die Auflagen in China waren einfach zu schwer zu erfüllen:

„It was like Charles Dickens’s London. The regulatory hurdles to opening schools in China were insurmountable.”

Erinnert mich sehr an den Libanon…..

Shannon konnte sich (anders als wir) einfach für ein anderes Land für ihr Projekt entscheiden und tat es. Sie entschied sich für: Afrika. 2009 nahm „Bridge“ mit einer ersten Schule in Nairobi seinen Anfang. Für Shannon und ihren Mann Jay Kimmelmann war es keine Frage, dass sie den Lebensmittelpunkt ihrer Familie (sie haben zwei Töchter) nun auch dorthin verlegen.

„Just about every program that is designed for someone else, instead of with them, fails.”

Mittlerweile leben sie seit über zehn Jahren in Nairobi und in Shannons Schulen werden über 120.000 Kinder (!!!) unterrichtet, also musste ich natürlich wissen, wie sie das gemacht hat. Ihre Schulen sind noch nicht einmal Zeltschulen wie unsere, sondern Stein- und Wellblechbauten, also wie schafft sie das?

Je mehr ich über Shannon erfahren habe, desto schneller wurde mir klar, dass unsere Situation sich in vielerlei Beziehung maßgeblich unterscheidet. Das Hauptproblem im ostafrikanischen Schulsystem sind die Lehrer, die selbst oft nur wenig bis gar keine Ausbildung haben, die nicht staatlich überprüft werden und den Kindern oft nur wenig vermitteln können oder wollen. Ein weiteres Problem sind die Kosten für Schulmaterialien, die sich viele Familien nicht leisten können. Shannons Antwort auf beide Probleme waren Privatschulen mit einem Kostendeckel von höchstens 6 Dollar im Monat pro Familie und eine engmaschige Überprüfung der Lehrer.

Part of what we do is ensuring that teachers understand this is a profession, they’re going to be monitored and evaluated. They’ll be rewarded when they do well, held accountable for what’s not going well and they can’t just not show up, they can’t just not teach.”

In Kenia sind die staatlichen Lehrer 45% der Schulzeit entweder gar nicht in der Schule oder sie sind zwar anwesend, unterrichten aber nicht, sondern sitzen unmotiviert ihre Zeit ab. Selbst vom System im Stich gelassen würden 65% der Lehrer bei einem Test über den Stoff, den sie unterrichten, durchfallen. Da Shannon die Art und Weise, wie Lehrer in Afrika ausgebildet werden, nicht ändern kann, hat sie kurzerhand eine andere Lösung gefunden: es gibt für jede Stunde ein Skript. Der gesamte Lehrplan ist in hunderte von Jahresstunden aufgegliedert, die die Lehrer einem Tablet entnehmen. So kann die Qualität des Unterrichts nicht von der Motivation oder der Qualität des Lehrers abhängen, die einzelnen Stunden sind in allen Bridge-Schulen genormt. Klang für meine Ohren erst einmal seltsam: ein Lehrer, der seine Unterrichtsstunde von einem Computer abliest?

Doch der Erfolg gibt Shannon Recht: Bridge-Schüler liegen in Mathematik 19% über den Leistungen der Kinder in Nachbargemeinden, die staatliche Schulen besuchen, was das Lesen betrifft liegen sie sogar 35% über dem Durchschnitt.

Die Bridge-Lehrer besuchen ständig Weiterbildungen, die Ergebnisse ihrer Schüler bei Tests werden gemeinsam besprochen und bei einem überdurchschnittlichen Abschneiden der Schüler wird auch der Lehrer belohnt. Es gibt „Quality Assurance Teams“, die Überraschungsbesuche in den Schulen machen und sich regelmäßig von der Qualität des Unterrichts überzeugen. Eltern können sich auch gezielt an diese Ansprechpartner wenden, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Kind nicht ausreichend gefördert wird.

Und wo kommen die ganzen Spenden her?

Tja, da sind wir beim Haupt-Unterschied zwischen „Bridge“ und unserem Zeltschulen-Projekt: Shannon braucht keine Spender, Shannon braucht Investoren! Bridge ist nämlich eine Firma, keine gemeinnützige Organisation, und es ist die am schnellsten wachsende Firma in Afrika.

Schon lange vor Bridge hat ein Großteil der afrikanischen Bevölkerung aufgrund des nicht-vorhandenen oder mehr als mangelhaften staatlichen Bildungssystems ihre Kinder auf sog. „Privatschulen“ (nicht mit unseren westlichen Privatschulen zu vergleichen, die Durchschnittskosten pro Kind liegen bei 10-20 Dollar) geschickt, und musste rund ein Viertel ihres Monatslohnes dafür ausgeben. Laut der Weltbank leben weltweit 2 Milliarden Menschen von einem Einkommen unter 2 Dollar pro Tag – das trifft auch in großem Maße auf die ostafrikanische Region zu, in der Shannon ihre Schulen baut. Bei 500 Millionen Kindern auf dem afrikanischen Kontinent haben Shannon und Jay erkannt, was für ein wirtschaftliches Potential das Aufbauen einer Privatschul-Kette (sie bezeichnen sich selbst als Kette und vergleichen sich mit Starbucks) birgt. Der Erfolg ist abhängig von den Kosten für die Familien und der Qualität des Unterrichts– d.h. sie müssen billiger und besser sein als andere Privatschulen.

Dieses Ziel erreichen sie nicht viel anders als andere globale Riesen auch, sie machen sich die Erkenntnisse von Starbucks und Konsorten zu nutzen:

  • Standardisierung
  • Systematisierung
  • ständige Kontrollen
  • eigens entwickelte Software, die Abläufe personell und zeitlich verschlankt und strukturiert

Sie nennen dieses Prinzip „Academy in a Box“, mit einer Reihe von Tablets und einem Smartphone für den Schulleiter, mit einer Verbindung zu den „Master Teachern“, die die stündlichen Unterrichtsskripten verfassen und den Lehrern aufs Tablet schicken, kann überall auf einem identischen Standard unterrichtet werden.

https://youtu.be/eUDBBgeCto8

Durch diese Unterrichts-Automatisierung bekommen die afrikanischen Kinder günstigeren Unterricht (die 6$ der Bridge-Schulen sind billiger als 65% der anderen Privatschulen in Ostafrika) und die Firma macht dennoch noch Profit.

„When we were starting, people doubted we could build 150 schools in a year. We did it.“

Bis zum Jahr 2018 will Shannon so weit sein, täglich eine neue Schule zu eröffnen und 2 Millionen Kinder unterrichten, die weltweit größte Privatschul-Kette sind sie bereits heute. Investoren wie Bill Gates und Mark Zuckerberg haben über 100 Millionen Dollar investiert. Wohlgemerkt: investiert – nicht gespendet. Und ich fürchte, das ist der Grund, warum wir es vermutlich nie zu 150 Schulen im Jahr bringen werden, aber ich freue mich auch, dass unsere dafür nicht automatisiert sind, sondern jede ein ganz eigenes Abenteuer darstellt.

Dennoch gehört Shannon definitiv in die Reihe unserer (Welten-)Macherinnen und ich drücke ihr für ihr rasantes Tempo beide Daumen, dass sie ihr Ziel für 2018 erreicht.

Unser Zeltschulen-Ziel für 2017 ist deutlich geringer, aber nicht weniger aufregend: wir wollen es bis Jahresende schaffen, 1000 Kinder in unseren Schulen zu unterrichten. Es wäre nett, wenn Sie uns auch die Daumen drücken, oder mehr noch, etwas spenden – investieren können sie dann bei Shannon…..  🙂

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