DIY – (Welten)MACHERIN: Vian Dakhil

“The Islamic State is raping 8-Year-Olds.
And the world is doing nothing.”

(Vian Dakhil)

Vian01Vian kam 1971 als erstes von neun Kindern am Fuß des Sinjar-Gebirges zur Welt. Jesidische Frauen haben selten die Möglichkeit, die Welt zu verändern: ihre Religion wird kaum ernst genommen und sie sind im Irak schwerwiegenden Diskriminierungen ausgesetzt. Doch Vian, deren Name übersetzt „Liebe“ bedeutet, ist eine Ausnahme. Sie ist das einzige jesidische Parlamentsmitglied im Irak, sie ist die meist-gehasste Frau von ISIS, kann sich nur mit Personenschutz fortbewegen, wurde dieses Jahr für den Friedensnobelpreis nominiert – und verändert die Welt jeden Tag.

Wir haben schon darüber berichtet, dass im Sommer 2014 tausende Jesiden aus ihren Häusern entführt wurden. Die Männer und Jungen wurden umgebracht, die Frauen und Mädchen als Sexsklaven behalten oder verkauft. Vian ist die Stimme dieser Menschen.

Vian02Dabei hatte sie eigentlich ganz andere Pläne. Die Familie zog nach Arbil, ins Kurdengebiet, als Vian noch ein Kind war. Sie wollte Ärztin werden, wie ihr Vater und ihr Onkel, doch während ihres Studiums kommt es zu Spannungen zwischen den sunnitischen Kurden und den Minderheiten. Vians Talent für diplomatische Lösungen bei absoluter Loyalität für das eigene Volk machte sich schnell bemerkbar, sie beriet lokale Volksvertreter und wurde so schnell auch über die Provinzgrenzen hinaus bekannt. 2010 wurde sie als Kandidatin der Demokratischen Partei Kurdistans in der Provinz Ninive, wo die meisten Jesiden ansässig waren, auf Anhieb ins Parlament gewählt.

Das allein wäre schon bemerkenswert genug: eine Frau, eine Jesidin, unverschleiert im irakischen Parlament. Doch dabei ließ Vian es nicht bewenden. Am 5. August 2014 waren die Augen der Weltöffentlichkeit auf Vian gerichtet, als sie im Parlament eine mittlerweile berühmte Rede hielt. Ihre Stimme ist schrill, Tränen laufen ihr über die Wangen, doch sie lässt sich auch von anderen Abgeordneten nicht zur Ordnung rufen.

„Irgendjemand muss doch davon gehört haben. Wir werden geschlachtet, wir werden ausgelöscht. Ein ganzes Volk ist in Gefahr, von der Erdoberfläche zu verschwinden. Im Namen der Menschlichkeit, Brüder, rettet uns!“

CNN stellte das Video online, innerhalb weniger Tage hatte es tausende von Klicks und Vian Dakhil war der Welt ein Begriff. Sogar Obama soll das Video gesehen haben und gab nur wenige Tage nach Vians Hilfeschrei grünes Licht, die kurdischen Kämpfer bei der Befreiung der Jesiden aus der Luft zu unterstützen.

Doch die 15 Minuten Ruhm der Jesiden waren schnell vorbei, das Medieninteresse ist längst wieder versiegt, im Zuge der zurückgewonnen Territorien im Irak stellt sich bei vielen das Gefühl ein, die Krise wäre vorbei.

Vian03Genau deswegen lässt Vian keine Gelegenheit aus, diesem Eindruck zu widersprechen. Immer noch befinden sich über 3500 jesidische Frauen und Mädchen in ISIS-Gefangenschaft. Vor eineinhalb Jahren waren es noch über doppelt so viele, sie werden als Sklavinnen gehalten, vergewaltigt und verkauft, sobald die Soldaten das Interesse an ihnen verloren haben. Manche werden auch einfach in der Wüste zum Sterben ausgesetzt. Vian kauft selbst manchmal Mädchen frei, 3000 bis 4000$ „pro Stück“ kostet das Leben einer Jesidin.

Im Haus ihrer Familie in Arbil sagt sie:

“The world has forgotten us. I know Sinjar was not the first town attacked by ISIS, but it was the first to have a mass kidnap. We have a thousand people that no one knows where they are. And yet we are totally forgotten.“

Als Boko Haram 250 nigerianische Mädchen kidnappte, gab es einen multikulturellen Aufschrei der Empörung und zahllose „Bring-back-our-girls“-Kampagnen, doch wenn Vian an Michelle Obama schreibt, um auf den Genozid an ihrem Volk aufmerksam zu machen, bekommt sie keine Antwort.

Für die amerikanische Zeitung „Politico“ hat sie einen wunderbaren Artikel über ihren Kampf gegen die Ignoranz geschrieben, in dem sie beschreibt, was die Jesiden schon seit Jahrtausenden erleiden:

For millennia, the Yazidis have lived in their homeland in northern Iraq as a persecuted minority. We have withstood 74 recorded attempts at genocide, many long before ISIL, and have been victims of great prejudice. Even today, we have no access to land ownership, quotas in education and other basic resources.

Von der Hilfe aus dem Westen ist sie mehr als enttäuscht. Die USA hat ISIS zwar aus seinem Stützpunkt auf den Sinjar-Bergen vertrieben, doch seither ist nicht viel mehr passiert, ihr Volk ist wieder in Vergessenheit geraten. Immer wieder kommen ihr die Tränen, wenn sie berichtet, was überlebende Frauen und Mädchen ihr von ihrem Martyrium erzählen.

Vian04Ihre Familie besucht Vian immer unangemeldet und nur mit Personenschutz. Ihre Tagesabläufe sind geheim, denn keine andere Frau wird von ISIS so gehasst wie Vian. Ihr eigenes Haus ist nach einem Anschlag längst nur noch Schutt und Asche. Mann und Kinder hat sie nicht. In ihrer Kaste ist es unmöglich, einen Mann zu finden, der so gebildet ist wie sie. Eines der vielen Opfer, das sie bringt für das was sie tut. Würde sie außerhalb ihres Volkes heiraten, gehörte sie nicht mehr dazu. Traditionen gelten auch für Vian.

Im Moment arbeitet sie an einem Gesetzesentwurf, der alle anklagt, die ISIS (in welcher Form auch immer) dabei geholfen haben, Minderheiten zu verfolgen. Besonders die Denunzianten will sie damit treffen, die zahlreichen sunnitischen Nordiraker, die mit ISIS sympathisieren, weil sie sich in ihrem eigenen, nun von Schiiten regierten Land nicht mehr wiederfinden. Wie zur Nazi-Zeit in Deutschland ist auch im Irak der Genozid abhängig von diesen Helfershelfern, die den Schlächtern verraten, wo sich die Jesiden, die Christen, die Turkmenen verstecken.

Vian05Nicht selten klingelt Vians Telefon mitten in der Nacht. Ihre Nummer macht die Runde unter den gefangenen Frauen und Mädchen, jeder weiß, dass Vian hilft, Tag und Nacht. Sie hat Angst vor diesen Anrufen, wenn Frauen ihr mit flüsternder Stimme erzählen, was sie alles erleiden mussten, weil sie nicht alle von ihnen retten kann. Doch sie nimmt immer ab, hört immer zu, kämpft um jedes einzelne Leben. Dabei stößt sie selbst oft auf taube Ohren:

“I have been to the United Nations security council three times and spoken there. Some people were crying. They applauded, then they said sorry, and goodbye.“

Vor fast zwei Jahren wurde sie schon für tot erklärt, als sie mit einem Hilfshelikopter, der Lebensmittel in belagerte Jesiden-Gebiete in der Nähe von Mosul brachte, abstürzte. Doch sie ist nicht tot, stundenlang lag sie unter Trümmern, saß danach wochenlang im Rollstuhl, tat das, was sie am besten kann: kämpfen, aufstehen, weitermachen.

We ask that the world to remember: This isn’t over. This is still going on. This is not finished. Our daughters and our sisters are still living enslaved and in terror. That doesn’t mean we shouldn’t have hope. I have to have hope—so I can keep on working. And so that I can keep answering those phone calls. 

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