Heldinnen

Es gibt Heldinnen. Wirklich, es gibt sie. Sie kennen nur die meisten von ihnen gar nicht, weil der Raum in unseren Hirnen (und vor allem auch in den Medien) annektiert wird von Frauen, die keinerlei Rolle spielen, die weder historische, noch soziologische, noch kulturelle Relevanz haben. Unsere heutigen „Ikonen“ sind Frauen, deren Leistung darin besteht, schön, dünn, reich, ewig jung, begehrenswert, berühmt zu sein…..

Ernsthaft, wann hatten Sie zuletzt ein echtes Vorbild? Wann wollten Sie zuletzt sein wie eine andere Frau, nicht nur deren flachen Bauch, ihr glänzendes Haar, ihr Bankkonto oder ihren erfolgreichen Mann haben? Und ich spreche hier nicht von Angelina Jolie, Prinzessin Diana, Julia Roberts oder Lady Gaga, ich meine echte Frauen, mit echten Leben, die echte Kämpfe gefochten haben, als Waffen ihren Mut, ihre Intelligenz und ihre Unabhängigkeit nutzten; die sich nicht fragten, wie sie Platten verkaufen, weitere 5 kg abnehmen, Filme bewerben oder die Presse für sich einnehmen können, die nicht zwanghaft geliebt und bewundert werden wollten, von Männern, von Kritikern oder Ihnen. Frauen, die sich selbst weniger ernst nahmen als eine Sache, für die sie standen.

Kennen Sie solche Frauen?

Es gibt sie, nur nicht dort, wo wir nach ihnen suchen. Sie laufen kaum über rote Teppiche, Vogue kürt sie nicht zu den bestangezogenen Frauen der Welt, sie haben keine Affäre mit George Clooney und Papparazzi erwischen sie nicht ganz zufällig oben ohne am Strand. Die Medien werden dominiert von diesen Frauen-Abziehbildern, diesen überbezahlten Stepford-Wives, die durch ihr Pilates, ihre operierten Körper, immer-gleichen Designer-Klamotten, botox-geglätteten Gesichtern und lächelnd verzerrten Mündern immer weniger unterscheidbar werden. Es gibt keinen Grund, zu Nicole Kidman aufzusehen, ganz egal, wie oft sie eine halbe Seite in der InStyle hat. Aber wir fangen an, es zu glauben, oder? Haben vielleicht längst angefangen. Wir haben uns von diesen Medien und auch von diesen Frauen, die sich und ihr Ego den Medien so bereitwillig anbieten, wieder eintrichtern lassen, was Frauen wie Simone de Beauvoir uns vor fünfzig Jahren schon austreiben wollten: Wo unser Platz ist. Was unsere Aufgabe ist. Ganz offensichtlich müssen Frauen nicht mehr Multitasking-fähig sein (worüber haben wir da nur jahrelang so gejammert?), wir haben nur einen einzigen Job, genau wie damals in den Golden Fifties, als wir noch Petticoats und Wasserwelle trugen: zu gefallen. Wir sind zurück auf Los, die Bank hat gewonnen, wir haben auf die falschen Spieler gesetzt.

Women have been trained to talk softly and carry a lipstick“, sagte Bella Abzug einmal angewidert (ja, es gab vor Twilight eine berühmte Bella), können Sie sich an Sie erinnern?

Es gäbe noch viele solcher Heldinnen, Dutzende, Hunderte (und doch nicht annähernd genug), von denen ich gerne berichten würde, müsste ich nicht fürchten, dass Sie keine Zeit mehr haben, schon ungeduldig sind mit mir, nachsehen wollen, wie die neuesten, ach so provokanten Nacktaufnahmen einer fast sechzigjährigen Madonna aussehen (sie sehen phantastisch aus, Photoshop sei Dank), sich über Renee Zellwegers neues Gesicht aufregen oder sich fragen, warum Heidi Klum denn jetzt plötzlich immer dünner wird.

Das ist nicht die Zeit für feministische Heldinnen, es war vielleicht nie die Zeit. Frauen empfinden es als negativ, ja, fast beleidigend, wenn sie als Emanze bezeichnet werden, bedeutet es doch in der Interpretation der meisten Menschen erst einmal, dass man männerfeindlich, verbittert, alleinstehend ist. Heute nehmen Frauen für sich in Anspruch, dass sie genau das, wogegen die Feministinnen der ersten Welle so tapfer gekämpft haben, wieder gern und freiwillig tun: heiraten, Kinder bekommen, aufhören zu arbeiten, sich abhängig machen, errungene Privilegien als selbstverständlich sehen und noch immer bestehende Missstände geflissentlich übersehen….. Noch immer begeben sich die meisten Frauen in eine totale finanzielle Abhängigkeit von ihren Männern, wenn sie Kinder bekommen. Noch immer fangen viele Frauen auch nach Jahren bei den Kindern zuhause dann nicht mehr in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten an, sondern gehen Halb- und Teilzeittätigkeiten nach, die weit unter ihrem Ausbildungsniveau liegen, und die mit Eigenständigkeit oder Selbstverwirklichung nicht das geringste zu tun haben, sondern einzig der Aufbesserung des Familieneinkommens dienen. Freiwillig sitzen Frauen auf Spielplätzen und unterhalten sich stundenlang über Holzbauklötze, die biologisch unbedenklich sind, kieferfreundliche Flaschensauger oder PEKiP-Gruppen (seien Sie froh, wenn Sie nicht wissen, was das ist, es ist gewissermaßen eine psychologisch geführte Krabbelgruppe deluxe, in der die Kinder alle nackt sind und der Raum dementsprechend aufgeheizt ist) als wären sie nicht vor ein paar Jahren noch normale Menschen gewesen, die Bücher lasen, politische Ansichten hatten, Interessen vertraten und sich Sorgen über andere Dinge machten, als darüber, wo man die schönste handgenähte (natürlich personalisierte) Wickelauflage bekommt. Ernsthaft, ich habe Angst vor diesen Mütter-Zombies!

Das Traurige ist, dass Bella Abzug, als sie Anfang der 70er Jahre für Manhattan in den Kongress gewählt wurde, der Ansicht war, dies sei der Beginn einer neuen Ära. Sie war davon überzeugt, dass bis zum Ende ihres Jahrhunderts Frauen hohe politische Positionen bekleiden würden, dass der Feminismus eine beständige Vorwärtsbewegung sei. Noch im Jahr vor ihrem Tod sagte sie:

Women will run the 21st century. The millennium has to have significant change. We can`t continue the errors of the past, which have been created largely by one part of the population. This is going to be the women’s century, and young people are going to be its leaders.“

Sie irrte sich natürlich. Ja, es gab/gibt Maggie Thatcher und Condoleezza Rice und Angela Merkel und Hilary Clinton und Sheryl Sandberg und Oprah Winfrey….. – aber sie waren und sind Ausnahmen in einer riesigen Masse von Männern. Und die wenigen Frauen, die tatsächlich einflussreiche Ämter bekleiden, müssen sich beständig rechtfertigen – wohlgemerkt meist nicht vor Männern, sondern vor anderen Frauen, die ihnen dann entweder vorwerfen, dass sie keine Kinder haben (der größte weibliche Makel) oder aufgrund ihrer Karriere keine guten Mütter sind (der ultimative weibliche Vernichtungsschlag).

Tatsächlich sind wir heute weiter von einem “Jahrhundert der Frauen“ entfernt, als jemals zuvor und es wird schwieriger und schwieriger, die Schuld hierfür den Männern zu geben. Bilde ich mir das nur ein oder haben wir nicht den Drive, den unsere Heldinnen hatten? Vermutlich geht es uns einfach schon lange viel zu gut, wir sind verwöhnt, verweichlicht, lethargisch. Bella war am glücklichsten, wenn sie gerade mitten in einem Kampf steckte (und ja, das kann auch mit daran gelegen haben, dass sie eine New Yorkerin war und es uns im Blut liegt), aber wann haben wir denn bitte zuletzt um etwas gekämpft, das nicht ein KiTa-Platz oder ein Sitzplatz in der U-Bahn war?

Wir sind Weicheier geworden, wir wollen so angepasst sein, so einig mit der Masse, so bestätigt von vielen, ist es da ein Wunder, dass wir die Feministinnen und ihre absolute Unabhängigkeit von der Meinung anderer zu fürchten gelernt haben; dass wir froh sind, wenn andere unsere Kämpfe kämpfen und sich für uns unbeliebt machen und wir uns wieder dem Vasenarrangement widmen können, denn wenn uns morgen eine andere Mutter besucht, dann bekommen wir für die Vasen Anerkennung, für verbrannte BHs, eine Teilnahme am Slut Walk oder Pro-Abtreibungsäußerungen schon lange nicht mehr („…also ich könnte das nie“ ist hier das momentan politisch korrekte Statement). Das Leben als Feministin ist kein Ponyhof, das muss ganz klar gesagt werden. Man muss sich gefallen lassen, dass Frauen, die „Doggie Style“ für einen Rap Song von Eminem halten, hinter vorgehaltener Hand flüstern, dass man ja nur deswegen so „extrem“ ist, weil man keinen Mann hat, keine Kinder und nicht die generell hochbejubelten Freuden des Ehelebens (bis zur Scheidung) genießen kann. Verheirateten Feministinnen wird gerne ein „Der arme Mann, der ist bestimmt schwul!“ hinterher getuschelt. Ja, es ist beschämend, aber so sind Frauen, geben Sie es zu.

Ist es also nicht natürlich, dass wir rufen so laut wir können, dass wir so wie unsere großen Feministinnen niiiie sein wollten, wenn wir doch genau wissen, dass wir so nie sein könnten?

Gloria Steinem sagte einmal über Bella Abzug:

Bella was so impassioned and so fierce that she frightened me – she really frightened me. Because I had never seen a woman in my life of that style. Gradually, I realized that this was my problem and the problem of many women, but it’s not Bellas problem.

Also wenn Sie das nächste Mal das Wort “Emanze” als Schimpfwort benutzen, abfällig auf Frauen herabsehen, die das Gemüse für den Babybrei nicht selbst auf der Terrasse züchten, trotz Kind noch so etwas wie ein Leben haben, in dem sie kontroverse Ansichten vertreten, oder sogar ganz bewusst entscheiden, nie zu heiraten oder Kinder zu bekommen, denken Sie daran: es ist Ihr Problem, nicht das dieser Frauen!

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