Interview mit Anaïs Nin

Jill:
“Schön, dass Sie wieder einmal in New York sind, Anaïs.
Möchten Sie einen Kaffee?”

Anaïs:
Das erste, was einem im Jenseits klar wird, ist, wie überschätzt Kaffee ist, also nein danke. Aber es ist schön, einmal wieder hier zu sein. Ich bin die meiste Zeit im Himmel über Paris.”

Jill:
“Also können Feministinnen tatsächlich in den Himmel kommen?”

Anaïs:
“Es ist möglich, aber wenig erstrebenswert. Da oben haben auch alte weiße Männer das Sagen. Viel zu viel Testosteron. Joyce fragt sich immer noch, ob er wirklich schizophren ist oder ob Jung einfach nur keine Ahnung hatte, Proust sucht immer noch wie ein Verrückter nach der verlorenen Zeit, Capote ist ständig auf Drogen, Hemingway und Fitzgerald streiten und prügeln sich nächtelang. Dabei ging kürzlich Tennessee Williams’ Glasmenagerie kaputt. Ich sage nur, Dramen spielen sich da oben ab.”

Jill:
“Also ist Gott keine Frau?”

Anaïs:
“Noch nicht, aber einige versuchen einen Putsch. Bella Abzug hat eine Petition gestartet, Simone de Beauvoir hat schon ein Manifest verfasst. Gertrude Stein finanziert das Ganze. Sie werden es sicher früher oder später sehen, Susan Sontag dreht eine Dokumentation darüber.”

Jill:
“Und Sie?”

Anaïs:
“Ich? Ich will Gott nicht stürzen. Ich will nur mit ihm schlafen.”

Jill:
“Simone de Beauvoir sagte einmal über Sie, Sie hätten die Art von Weiblichkeit, die ihr die Haare zu Berge stehen ließen und dass Ihre Meinung über die Weiblichkeit sie wütend mache.“

Anaïs:
“Simone hatte immer diese grandiosen Ideen zwischen ihren Beinen und war ekstatisch. Ich brauchte dafür immer einen Mann.”

Jill:
“Meistens sogar mehrere. Waren Sie deswegen eine Bigamistin?”

Anaïs:
“Ich habe meine Zeit damals zwischen New York City und Los Angeles aufgeteilt, das sind Welten! Vergleichen Sie einmal Staten Island mit Malibu. Es schien mir nur natürlich, für diese unterschiedlichen Welten auch unterschiedliche Ehemänner zu haben. Wäre ich nicht gestorben, hätte es niemand je erfahren. Dass man aber auch immer so überrascht wird von der eigenen Sterblichkeit….

Jill:
“Im April 1934 stellten Sie fest, dass Sie schwanger sind. Sie sprachen darüber, die Mutterrolle gerne einmal ausprobieren zu wollen, dennoch gingen Sie zu einer Engelmacherin…..”

Anaïs:
“Ich glaube, Henry Miller war der Vater des Kindes und ich wollte ihn damals nicht unter Druck setzen. Ich war mir aber nicht sicher, es hätte auch mein Ehemann oder Otto Rank sein können. Wenn ich es mir recht überlege, sogar mein Vetter, Eduardo Sanchez, wäre in Frage gekommen. Ich wollte mich nicht zwanzig Jahre lang fragen, wem das Kind ähnlich sieht.”

Jill:
“Sie sind selbst Psychoanalytikerin und haben unter Missachtung aller Grundregeln dennoch immer mit Ihren eigenen Analytikern geschlafen.”

Anaïs:
“Ich habe es immer mit D.H. Lawrence gehalten: die Unterdrückung der sexuellen Triebe ist verlogen. Sex ermöglichte es mir, gesellschaftliche Zwänge zu sprengen und ich selbst zu sein. Ich lebte dafür nur in der falschen Zeit. Heutzutage werden untreue Frauen fast bewundert, sie gelten als emanzipiert und unabhängig, als selbstbestimmt und stark. – Damals machte mich meine Promiskuität zur Aussätzigen. Was sonst hätte ich also tun sollen, außer darüber zu schreiben?“

Jill:
„Im Dezember 1931 begegneten Sie Henry Miller in Paris…..“

Anaïs:
„Nein, ich begegnete seiner Frau June und wir hatten eine phantastische Affäre. Erst als June eine Reise in die Staaten unternahm, kamen Henry und ich uns näher, dann aber haben wir uns sehr geliebt. Ich unterstützte ihn. Er hat den literarischen Stellenwert, der mir versagt blieb, und das hat er auch in nicht unerheblichem Maße mir zu verdanken. Ich übernahm die Druckkosten seines Romans „Im Wendekreis des Krebses“, las Korrektur, verfasste ein Vorwort und finanzierte ihn über Monate.“

Jill:
„Wenn Sie sagen, Sie finanzierten ihn über Monate, meinen Sie damit aber, dass Sie ihm das Geld Ihres Mannes gaben….“

Anaïs:
„Macht das einen Unterschied?“

Jill:
„Viele Frauen würden sagen, das ist ein großer Unterschied.“

Anaïs:
„Ich war vieles in meinem Leben, aber nie wie andere Frauen.“

Jill:
„Ihre Romane werden von Kritikern bis heute nicht sonderlich geschätzt. Sie hatten Ihren Durchbruch mit Ihren Tagebüchern. Stimmt es, dass Sie bereits mit 11 Jahren begannen, Tagebuch zu führen und im Laufe Ihres Lebens mehr als 35.000 Seiten füllten?“

Anaïs:
“Ich kann mir ein Leben ohne Tagebücher gar nicht vorstellen. Man hat einen anderen Anspruch an seinen Tag, wenn man weiß, dass man am Abend über ihn schreiben wird.

Jill:
“Sie begannen damit, als Ihr Vater die Familie verließ. Sie schrieben einmal über ihn:
Der erste Mensch, dem ich völlig ergeben war, mein Vater, verriet mich, und ich zerbrach, zerbrach, zerbrach, und es blieben eine Million unbedeutender Beziehungen übrig. – Würden Sie ihm immer noch diesen Stellenwert in Ihrem Leben zukommen lassen?“

Anaïs:
”Natürlich. Alle unsere Väter haben diesen Stellenwert. Sie sind unsere erste unerreichbare Liebe.”

Jill:
“Wirklich unerreichbar? Im Juni 1933 trafen Sie sich mit Ihrem Vater in einem Hotel in Valescure, wo Sie drei Tage und Nächte zusammen blieben. Laut Ihren eigenen Aufzeichnungen waren Sie dort auch mit ihm intim. Das Thema Inzest beschäftigte Sie immer wieder….”

Anaïs:
“Wenn ich es geschrieben habe, ist es nicht wahr. Über wahre Dinge zu schreiben, fand ich immer so banal. Es kann so wenig wahr sein im Leben, weil wir ja nur ein einziges haben. Schon als Kind war ich darüber bestürzt. Wie sollte so viel Wahrheit in ein Leben passen?”

Jill:
“Heute sind Sie vor allem auch für Ihre zahlreichen Zitate bekannt….”

Anaïs:
“Ja, dieser unsägliche Paolo Coelho muss mich hassen. Ich scheine ihm als Königin der Kalendersprüche den Rang abgelaufen zu haben. Ich hoffe, er kommt in die Hölle, ich kann oben nicht noch mehr Aufregung gebrauchen.”

Jill:
“Eines Ihrer Zitate, das ich immer besonders mochte, lautet:
We do not see things as they are, we see them as we are.

Anaïs:
“Das ist von mir? Das ist phantastisch! Und so existenzialistisch. Kennt Beauvoir dieses Zitat?”

Jill:
“Ich fand des immer sehr treffend für Ihr eigenes Leben und die Art, wie Sie von der Gesellschaft wahrgenommen wurden. Über Jahrzehnte galten sie als narzisstische Möchtegern-Schriftstellerin, die nicht ernst zu nehmen war. Nach der Veröffentlichung Ihrer Tagebücher schließlich galten Sie als Inbegriff des bohemian lifestyle der damaligen Zeit. Nach der Enthüllung Ihrer Bigamie nach Ihrem Tod verschwanden Sie wieder in der Bedeutungslosigkeit und heute sind Sie eine feministische Ikone. Dennoch haben Sie sich nie verändert, nur unsere Art, Sie zu sehen.”

Anaïs:
“Sie sind ein kluges Kind….. Wie war doch gleich Ihr Name? Aber Sie gestatten mir den Hinweis, dass es mir dennoch lieber gewesen wäre, man hätte mich zu meinen Lebzeiten mehr bewundert. Wenn man noch lebt, hat man einfach mehr davon. Und da ich, wie Sie selbst eben bemerkten, eine Narzisstin bin, hätte mich das sehr gefreut.”

Jill:
“Deswegen die Tagebücher? Gab es einfach kein faszinierenderes Subjekt als Sie?”

Anaïs:
“Ich bin zweifellos mein faszinierendster Charakter. Frauen kreisen immer um sich selbst, glaube ich. Vielleicht noch nicht zu meiner Zeit, aber auf jeden Fall jetzt. Als Frau aus seinem Sexleben Kapital zu schlagen ist heutzutage das alltäglichste der Welt. Eine Karriere darauf aufzubauen, sich selbst zu ernst zu nehmen. Jemand sollte Paris Hilton, Katie Price, den Kardashians und allen anderen sagen, dass ich das erfunden habe. Ich war die erste. Gott, ich wünschte es hätte das Internet zu meiner Zeit schon gegeben.

Jill:
„Ja, das wäre schön, dann könnten Sie dieses Interview nach Erscheinen liken und mir einen Kommentar darüber hinterlassen, wie interessant und geistereich ich es geführt habe, worauf ich wiederum Ihre Homepage/Seite like und Ihnen antworten könnte, was für eine Ehre es war, überhaupt mit Ihnen zu sprechen und wie sehr ich Sie bewundere etc. Das ganze können wir dann über Facebook teilen und die ganze Welt könnte daran teilhaben, wie toll wir uns gegenseitig finden. So machen das andere Blogger bei ihren Interviews.“

Anaïs:
„Ich bezweifle, dass ich dieses Interview geliked hätte. Mir hat schon zu Lebzeiten äußerst wenig gefallen.“

   

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