Bella Abzug

Bella wurde 1920 als Tochter russischer Einwanderer in der Bronx geboren. Ihr Vater, ein Metzger, starb, als sie dreizehn war und Bella bestand darauf, ein Jahr lang täglich in der Synagoge das Kaddisch für ihn zu sprechen, obwohl das im jüdisch-orthodoxen Glauben für Mädchen verboten ist. Es gibt viele phantastische Zitate von ihr, aber da ist dieses eine, das ich besonders liebe, das ihren Charakter deutlicher wiedergibt, als seitenlange Beschreibungen es je könnten:

There are those who say I’m impatient, impetuous, uppity, rude, profane, brash and overbearing. Whether I’m any of those things or all of them, you can decide for yourself. But whatever I am – and this ought to be made clear from the outset – I am a very serious woman.“

Ihr ganzes Leben lang war es immer wieder diese (leider bei Frauen sehr seltene) Fähigkeit, Kritik und Kritikern offen und gleichzeitig gelassen gegenüberzustehen, die Bella ausmachte. Sie wollte nicht in eine Gruppe passen, beliebt sein, bestätigt werden, hatte keinerlei Angst, Unpopuläres zu vertreten. Zu keiner Zeit war Bella beeinflussbar oder gar abhängig von unserer Meinung über sie und zu keiner Zeit hätte sie Angst davor gehabt, uns ihre Meinung über uns in aller Deutlichkeit  mitzuteilen.

Sie absolvierte die Columbia University Law School und spezialisierte sich als Anwältin auf den Schwerpunkt Bürgerrechte. Ihr kontroversester Fall war Willie McGee, ein afro-amerikanischer Mann aus Laurel/Mississippi, der 1945 beschuldigt wurde, eine weiße Hausfrau, Willette Hawkins, vergewaltigt zu haben. Tatsächlich hatten er und Willette seit langer Zeit eine Liebesbeziehung, aber aufgrund der rassistischen Rechtsprechung der damaligen Zeit in den Südstaaten sah sich McGee einer Vergewaltigungsklage gegenüber. Die Öffentlichkeit wurde zum Lynch-Mob. Als McGees Verteidigerin bekam Bella in Mississippi kein Hotelzimmer und verbrachte die Nächte während des Prozesses schwanger auf einer Bank im Busbahnhof. Sie verlor den Fall trotz vieler prominenter Fürsprecher (u.a. Albert Einstein, William Faulkner, Josephine Baker), die alle öffentlich versuchten, den Druck auf Präsident Truman zu erhöhen, McGee zu begnadigen, dennoch wurde er 1951 hingerichtet. Ihre ganze juristische Laufbahn hindurch vertrat Bella Fälle, in denen die Bürgerrechte mit Füßen getreten wurden, oft unter schwierigsten Bedingungen und immer  darum bemüht, ihre Arbeit und ihre Familie (ihre zwei Töchter und ihren Ehemann Martin, der sie sowohl im Kampf für die Frauenrechte wie auch im Kampf für die Bürgerrechte rückhaltlos unterstützte) zu koordinieren. 1970 kandidierte sie für den Kongress (mit dem Slogan: „This woman‘s place is in the House – the House of Representatives!“) und gewann. Wahlkampf machte sie unter anderem auch aus einer Schwulensauna in der Upper West Side und amüsierte sich sehr über die Empörung der Öffentlichkeit. Sie wurde eine von damals nur 9 Frauen im mit 435 Mitgliedern besetzten Kongress. Sie trug immer einen auffälligen, breitkrempigen Hut, weil sie glaubte, das sei der einzige Weg, von Männern ernst genommen zu werden (Hüte schienen ihr das Sinnbild der berufstätigen Frau zu sein) und sie kämpfte auch im Kongress um das Recht, diesen Hut aufzubehalten. Bella Abzug kommt aus der Zeit, in der Politik so eine wichtige Rolle spielte wie die sozialen Medien heute: jeder war dabei, keiner konnte sich entziehen, jeder hatte eine Meinung. Politik war persönlich, zutiefst persönlich, und für niemanden mehr als für Bella. Gloria Steinem, eine andere Heldin, bewunderte vor allem Bellas absolute Stärke Männern gegenüber (auch wenn diese viel größeres politisches Gewicht in die Waagschale werfen konnten als Bella selbst). Sie führte diese Stärke vor allem darauf zurück, dass Bella von Eltern erzogen wurde, die glaubten, sie könne Präsidentin werden und dass auch der Mann, den sie heiratete, derselben Überzeugung war. Tatsächlich war Bella Abzug eine der wenigen Feministinnen der damaligen Zeit, die die Unterstützung von ihrer Familie immer wieder in den Vordergrund rückte, während viele andere Vorkämpferinnen für die Frauenrechte unverheiratet blieben oder in ihren Ehen scheiterten. Bella sagte selbst einmal in einem Interview kurz nach dem Tod ihres Mannes Martin, dass sie nun ihren größten Unterstützer verloren habe und nie wieder dieselbe sein werde.

Das zentrale Thema ihrer politischen Karriere ist ein sehr einfacher Satz, der auf Spruchbänder gedruckt, auf Oberarme tätowiert (sind Sie diese ewigen Skorpione, Schmetterlinge, Babynamen oder roten Rosen nicht auch so leid?), auf Plakatwände geklebt und in Geschichtsbüchern verbreitet werden müsste, doch wir haben ihn vergessen, wir sind zu beschäftigt, nachzulesen, wie lange Beyonce gebraucht hat, um ihren Babybauch loszuwerden und ob Gwyneth Paltrow sich denn wirklich immer noch makrobiotisch ernährt. Bellas Satz lautet:

You can’t continue to have a world without equal participation of men and women. That’s my central thesis.“

1985 organisierte sie eine Frauenkonferenz für die UN in Nairobi mit dem Thema „What If Women Ruled The World“, zu der mehrere tausend Frauen aus der ganze Welt erschienen und das die Grundlage dafür war, dass Bella zusammen mit Mim Kelber 1990 WEDO (Women’s Environment and Development Organization) gründete. Bis zu ihrem Tod war sie unermüdlich, ihre letzte öffentliche Rede hielt sie nur eine Woche vor ihrem Tod. Der frühere Gouverneur von New York, Mario Cuomo, sagte einmal über Bella „She was undeviatingly progressive – period. Nothing slowed her down“ und so blieb sie bis zuletzt.

Auf Bellas Beisetzung im Riverside Memorial auf der Upper West Side von Manhattan sah man Reihe um Reihe bekannter Gesichter: Jane Fonda, Betty Friedan, Charlie Rose, Phil Donahue, Shirley Maclaine, Geraldine Ferraro, Gloria Steinem….. Viele von ihnen ließen es sich nicht nehmen, selbst einige Worte über Bella zu sagen, Rabbi Sharon Kleinbaum war sich sicher, dass im Jenseits bereits gewaltige Umwälzungen im Gange waren: „We can be sure this week that if God was a patriarchal institution before, things are already changing.“ Schauspieler Joseph Bologna prophezeite, dass Bella bereits eine Unterschriftenliste gestartet hat, um Gott dazu zu bringen, für bessere Konditionen in der Hölle zu sorgen. Es gibt also noch Hoffnung…..

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